Aus Liebe zum Land

Neuanfang zwischen Apfelbäumen

„Meine Familie hatte sich Mitte der Neunzigerjahre bewusst für einen Umzug aus Frankfurt nach Oberhessen entschieden, weil das Leben in der Metropole zu teuer wurde. Wir haben es nie bereut. Vor fünf Jahren sind wir einen weiteren großen Schritt gegangen und haben unsere Arbeitsplätze in Frankfurt und Friedberg aufgegeben, um uns neu selbstständig zu machen. Dafür haben wir einen 350 Jahre alten Vierseithof im 1900-Seelen-Dorf Dauernheim gekauft. Meine Frau und ich wollten keine langen Fahrwege mehr in Kauf nehmen und wieder selbstständig arbeiten. In dem alten Gebäudeensemble Auenlandhof – Festscheune – Destille – in Oberhessen haben wir dafür viele Möglichkeiten gesehen.

Heute ist der Auenlandhof ein Event-Hof, mit verschiedenen Schwerpunkten. Wir haben eine Festscheune mit bis zu 50 Plätzen ausgebaut, in der beispielsweise rustikale Landhochzeiten stattfinden. Auch im Hof und Garten wird gefeiert. Dort bieten wir mit freundlicher Unterstützung der Gemeinde Ranstadt Trauungen unter freiem Himmel an.

An einer solchen Feier sind eine ganze Reihe lokaler Geschäfte, Lieferanten und Erzeuger beteiligt – vom Metzger über den Bäcker, den Getränkehändler und Floristen bis zum Caterer, werden hier alle gebraucht. Außerdem beschäftigen wir aushilfsweise Arbeitskräfte aus dem Ort. Die Feiern sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein regionaler Wirtschaftskreislauf funktioniert. Neben den Feiern haben wir weitere Standbeine. Unsere Leidenschaft steckt in einem kleinen landwirtschaftlichen Wein- und Obstbau-Betrieb. Das Obst verarbeiten wir zu Apfel- und Traubenwein, Säften, Likören und Schnäpsen. Unsere Liköre stellen wir aus kaltgepressten Fruchtsäften her. Mehr Aroma kann man nicht haben! Unser Obst ist ungespritzt, wir achten auf Regionalität und Nachhaltigkeit. In die Flasche kommt nur, was auch in Oberhessen gewachsen ist.

André Hülsbömer, Ortsvorsteher von Ranstadt-Dauernheim und Mit-Inhaber des Auenlandhofs, ist vor fünf Jahren mit seiner Frau einen mutigen Schritt gegangen und hat einen 350 Jahre alten Vierseithof zum Event-Hof ausgebaut.

Es ist ein schönes Gefühl, vom Pflanzen des Baums und der Rebe bis zur Wein- oder Likörherstellung alles selbst zu machen. Unsere Gäste und Kunden schätzen das. Nicht selten werden unsere Getränke als etwas Besonderes verschenkt. Großen Zuspruch fanden unsere Getränke-Kreationen in diesem Sommer in unserem neu aufgemachten Sonntags-Biergarten. Unser drittes Standbein ist ein kleines Hotel mit zehn individuell gestalteten Zimmern und einer Ferienwohnung. Wir haben insgesamt 21 Betten anzubieten. Bislang haben selten Menschen in Dauernheim Urlaub gemacht oder Seminare abgehalten; das ändert sich gerade. Oberhessen ist keine klassische Urlaubs- oder Tagungsregion wie beispielsweise der Taunus. Doch wir werden jetzt entdeckt. Wir haben hier das größte Naturschutzgebiet Hessens vor der Haustür, den ‚Wetterauer Auenverbund‘ entlang der Nidda, mit vielen schönen Wander- und Radwegen. Es entstehen immer mehr kleine Betriebe, die als Pioniere im Tourismus voranschreiten und etwas Neues versuchen. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass die Menschen statt Mallorca zu bereisen die eigene Heimat entdecken. Besonderes Potenzial sehen wir dabei im E-Bike-Tourismus. Mit Elektrorädern sind unsere hügeligen Landschaften leichter zu bezwingen. In unserer Nähe gibt es E-Bike-Flotten und -Führungen. Zusätzlich zu unserer herrlichen Landschaft, unter Kennern als ‚Toscana Deutschlands‘ bekannt, sind wir gesegnet mit kulturellem und historischem Reichtum, der bislang nicht gesehen wurde. Jetzt entdecken die Menschen unsere Region.

Ich glaube, dass Oberhessen eine gute Zeit vor sich hat, was die Entwicklung von sanftem Tourismus angeht. Es gibt immer mehr Menschen, die einen aktiven Urlaub in der Natur machen wollen – und diese Zielgruppe findet hier alles, was sie für einen schönen Urlaub braucht. Wanderreitstationen, Übernachtungsmöglichkeiten, Gastronomie. Derlei Betriebe finden hier alle einen Markt und können gut nebeneinander existieren. Mittlerweile ist die Nachfrage größer als das Angebot, daher empfehlen wir anderen Unternehmerinnen und Unternehmern: Habt Mut und versucht etwas Neues! Aufgrund der bisherigen touristischen Unterentwicklung der Region sind Investments hier auch noch nicht so teuer. 2027 findet in Oberhessen die Landesgartenschau in elf Kommunen statt. Es wird viel los sein, nicht erst 2027, sondern auch schon auf dem Weg dahin. Wir sind, was die touristische Infrastruktur angeht, darauf noch nicht vorbereitet. Während einer Landesgartenschau hat man erfahrungsgemäß 250.000 bis 350.000 Besucher. Aber wo sollen die alle hin? Es gibt viel zu tun für kreative Touristikerinnen und Touristiker.

Allerdings müssen künftige Pioniere in unserer ländlichen Region einiges beachten. Um beispielsweise einen alten Hof auszubauen, muss man viel Geduld mitbringen. Die behördlichen Auflagen sind enorm. Ich denke da besonders ans Thema Brandschutz. Zudem muss man sagen, dass das Gastgewerbe für die darin arbeitenden Dienstleister nicht sonderlich familienfreundlich ist. Wetter – oder auch Gesundheit (siehe Corona) – stellen besondere Risiken dar. Beweglichkeit ist wichtig.

Klar ist auch: Unsere Region gewinnt nur dann, wenn sie authentisch bleibt – und das heißt für uns als Unternehmer im Tourismus, dass wir nachhaltig arbeiten. Wirtschaftliche Stärkung und Einkommensmöglichkeiten müssen herbeigeführt werden, ohne dass unsere schöne Landschaft an Charakter verliert oder unser Angebot ein ‚Massenprodukt‘ werden könnte.“

 
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner