Ideengeber und Gestalter

Überzeugen, mitnehmen, gestalten. Was ein Touristischer Arbeitskreis in einer ländlichen Region bewirken kann

Die Gießener Lahntäler https://www.giessener-lahntaeler.de/ haben herrliche Landschaften und ein großes kulturelles Erbe in Form von Bauwerken wie Schlössern und Burgen, aber auch durch die Werke von Künstlern, die hier ihre Inspiration fanden. Wussten Sie, dass der Lyriker Rainer Maria Rilke diesen Teil von Mittelhessen liebte und der Liedermacher und Autor Fredrik Vahle dies noch heute tut? Die Täler von Lahn, Lumda, Wieseck und Salzböden sind auch heute noch Magnet für eine lebendige Kunst- und Kulturszene. Außerdem gibt es großartige Wander- und Radwege und viele Sport- und Freizeitmöglichkeiten.

Was die sechs Kommunen der Gießener Lahntäler in unserer ländlichen, wirtschaftlich eher schwachen Region, aber noch nicht haben, sind ausreichende touristische Organisationsstrukturen, die ihre Schätze dann auch angemessen vermarkten. Das wollten wir vergangenes Jahr endlich ändern – und so haben wir, die sechs Kommunen Allendorf (Lumda), Buseck, Lollar, Rabenau, Reiskirchen und Staufenberg, gemeinsam mit touristischen Organisationen und Anbietern den Touristischen Arbeitskreis (TAK) Gießener Lahntäler gegründet. Der TAK ist aus dem Verein Region Gießener Land https://giessenerland.de/ entstanden, in dem wir auch mitwirken. Gießener Land ist eine der hessischen LEADER-Regionen, die von der EU, dem Bund und vom Land gefördert werden. Die Gesamtregion besteht aus 17 Kommunen des Landkreises Gießen und hat insgesamt rund 185.000 Einwohner. Mit der LEADER-Förderung wollen wir unsere ländliche Region fit machen – und nun den Fokus besonders auf den nordöstlichen Teil des Gießener Lands, also die Gießener Lahntäler, legen. Denn hier besteht besonders großer Handlungsbedarf, die Region touristisch zu entwickeln, auszubauen und zu stärken. Im Fokus ist dabei vor allem der Sommertourismus.

Kurt Hillgärtner, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Rabenau, und Peter Gefeller, Bürgermeister der Gemeinde Staufenberg, haben den Touristischen Arbeitskreis (TAK) Gießener Lahntäler gegründet, um die schöne Region mit ihren vielen kulturellen Schätzen wie die Burg Staufenberg touristisch zu entwickeln.

Wenn wir die Kommunen der Gießener Lahntäler zukunftsfit machen wollen, brauchen wir mehr Wirtschaftskraft, mehr Zuzug und mehr Konsum. Dazu gehört ein verstärkter Ausbau der touristischen Strukturen, denn unser Kapital sind unsere schöne Landschaft und die vielen kulturellen Highlights. Und genau diese Vorzüge müssen wir so vermarkten, dass Menschen aus ganz Deutschland hier Urlaub machen möchten. Davon profitiert nämlich die gesamte ländliche Region, die Gastronomie wird gestärkt, touristische Betriebe bieten Arbeitsplätze, Menschen entdecken die Gießener Lahntäler als attraktive Urlaubs- und Wohnorte. Das alles kann eine kleine Gemeinde gar nicht allein erreichen – das schafft sie nie, denn dafür braucht es finanzielle und personelle Ressourcen und viel touristisches Know-how. Das funktioniert nur, wenn Kommunen sich zusammenschließen und vernetzen und den Bereich Tourismus koordiniert und effizient gemeinsam bearbeiten und bewerben.

Um touristische Strukturen auszubauen, braucht man eine starke Kommunalpolitik. Der Bürgermeister einer Kommune muss vorangehen und Neues initiieren. Dafür ist viel Überzeugungsarbeit nötig – in den Kommunalparlamenten, aber auch bei den Bürgern. Die Menschen in den Gießener Lahntälern sind sehr weltoffen, das kommt dem Tourismus erstmal sehr entgegen. Trotzdem gibt es kritische Stimmen, die grundsätzlich immer gegen Neues sind. Deshalb ist es enorm wichtig, die Menschen aus der Region bei allem, was wir hier machen – TAK gründen, Tourismus ausbauen, Gastronomieangebote ausweiten, Lumdatalbahn reaktivieren – mitzunehmen. Wir überzeugen sie, dass die Schaffung von touristischer Infrastruktur der richtige Weg ist und es die Sache wert ist, auch mal ein unternehmerisches Risiko einzugehen. Daher war es uns auch sehr wichtig, den TAK als LEADER-Projekt anzustoßen. Dahinter steht nämlich der Prozess eines regionalen Entwicklungskonzepts, der die Menschen vor Ort miteinbezieht. Wir haben Arbeitsgruppen gebildet, zu Touren durch die Lahntäler eingeladen und die Bürger auf unser Projekt vorbereitet. Wären wir einfach so in die Region geplatzt und hätten gesagt, wir gründen jetzt mal einen Touristischen Arbeitskreis, hätten vielleicht viele gesagt: „Nein, das wollen wir nicht!“. Durch diesen langen Beteiligungsprozess konnten wir den TAK schließlich auch gut umsetzen. Und wir haben viele Kümmerer und Ansprechpartner vor Ort gefunden, die als Einheimische ganz anders überzeugen können als externe Berater. Viele junge Menschen aus den Gemeinden unterstützen den TAK, denn sie wissen genau, dass der Tourismus ihre Zukunft ist.

Natürlich stehen jetzt auch viele Veränderungen in der Region an. Wir müssen Erlebnisse für die Urlauber schaffen, damit sie nicht nur an den Kommunen vorbeiradeln, sondern auch bleiben. Dazu gehört eine gute Gastronomie. Man kann nicht nur Pommes anbieten, sondern braucht kreative Köpfe, die neue, nachhaltige Konzepte umsetzen – und genau diese Konzepte wollen wir fördern. Zudem müssen sich die Öffnungszeiten der Gastro stärker den Bedürfnissen der Tagesgäste anpassen und beispielsweise einen Mittagstisch anbieten. Auch die digitale Vermarktung ist eines unserer großen Themen – und dafür müssen wir die digitalen Strukturen erstmal ausbauen. Aktuell fördern wir das Projekt „digitale Dörfer“, da gibt es für jedes Dorf eine App, die ausgerollt wird. Wenn man junge Menschen erreichen will, muss man auch ihre Kommunikationsmittel nutzen. Auch der E-Bike-Tourismus hat sehr großes Potenzial, aber auch dafür müssen erstmal Angebote geschaffen werden – und auch dann ist wieder Überzeugungsarbeit nötig.

Wir empfehlen künftigen TAK-Gründern deshalb vor allem zwei Dinge: langen Atem und Optimismus. Bleiben Sie immer offen für neue Ideen und Projekte und gehen Sie auch mal ein Risiko ein. Für den Ausbau einer touristischen Infrastruktur braucht es Menschen mit viel Herzblut, die nicht so schnell lockerlassen. Gut ist dabei, wenn ein Einheimischer, der die Bürger am besten versteht, und ein externer Berater und Ideengeber mit dem Blick fürs große Ganze zusammenarbeiten. Diese Kombination – Input von außen, Stabilisierung von innen – braucht man, um die Waage perfekt halten zu können.

 
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner