Naturerlebnis auf dem Land

Wie in Großvaters Zeiten. Marion Klein begeistert Gäste für das Mähen mit der Sense

„Ich bin schon mein ganzes Leben lang ein echter Naturmensch. Mit neun Jahren bekam ich mein erstes Islandpony, seither halte ich immer selbst Pferde. 1996 haben meine Partnerin und ich einen alten Vierseit-Fachwerkhof in Römershausen gekauft und renoviert – mit viel Platz für unsere Pferde. Unseren Hollerhof haben wir seither stetig erweitert durch viele Grünflächen und Wiesen für Insekten und Vögel. Wir arbeiten nicht gegen die Natur, sondern mit der Natur, weil wir sie schützen und bewahren müssen. Daher bin ich auch in den Verein Region Lahn-Dill-Bergland eingetreten und habe mich zunächst ehrenamtlich für unsere Region und den Naturpark engagiert. Heute bin ich hauptberuflich Geschäftsführerin der Region und Regionalmanagerin des Naturparks – und kann damit meine Liebe zur Natur auch im Job ausleben. Mit unseren Naturerlebnisangeboten wollen wir Menschen dafür begeistern, unsere wunderschöne Landschaft und Natur zu erleben und genießen.

Von künstlerischen Naturwerkstätten über Wald-Yoga, E-Bike-Touren, Kräuterführungen und Ausritten bis hin zu Erlebnispädagogik für Kinder, wie etwa Tierspuren aufspüren oder Survival-Training – unsere zertifizierten Naturparkführerinnen und Naturparkführern bieten für alle Altersgruppen und zu allen Jahreszeiten spannende Möglichkeiten, die Region zu entdecken. Und auch ich habe meine Nische gefunden – in Form von Sensenkursen. Die Idee dazu entstand auf dem Hollerhof. Als Pferdehalterin kommt man nicht umhin, auch mal Gras zu mähen und die Zäune freizuhalten. Eine Zeit lang habe ich eine Motorsense benutzt, aber die war furchtbar laut und es vibrieren einem im Nachhinein die Hände. Also habe ich eine Alternative gesucht – und mir deshalb eine traditionelle, billige Sense zugelegt. Doch irgendwie klappte das nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte – und so habe ich mir von einem anderen Naturparkführer zeigen lassen, wie man richtig von Hand mäht.

Marion Klein ist leidenschaftliche Sensenlehrerin. Die zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin, Geschäftsführerin und Regionalmanagerin des Naturparks Lahn-Dill-Bergland lebt auf dem Hollerhof in Gladenbach-Römershausen und bietet dort Sensenkurse an.

Mit einer hochwertigeren Sense funktionierte das schließlich auch gut – und es machte sogar Spaß. Das sanfte Geräusch der Sense, der herrliche Duft von frisch gemähtem Gras und Kräutern, dazu die Bewegung an der frischen Luft – beim Mähen bin ich ganz bei mir, im Hier und Jetzt. Hier verbinden sich traditionelles Handwerk und Naturerlebnis auf perfekte Art und Weise und das faszinierte mich so sehr, dass ich mich vom Sensenverein sogar zur Ausbilderin schulen ließ. In Hessen gab es bislang keine Sensenkurse und so wurde ich zur ersten Sensenlehrerin des Landes. Auch heute noch bin ich die einzige Lehrerin in Nord- und Mittelhessen, die Workshops in diesem traditionellen Handwerk anbietet. Es gibt ein großes Interesse für das Mähen von Hand – und meine Kurse sind immer gut gebucht. Viele kommen aus den umliegenden Städten, Marburg, Wetzlar, Gießen, aber auch Einheimische lassen sich gern in die Kunst des Mähens einweisen. Die Kurse bieten mir auch die Möglichkeiten, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern etwas über die Vielfalt unserer Kulturlandschaft zu vermitteln – und ich denke, das erhöht auch die Wertschätzung unserer Natur gegenüber. Gerade in Zeiten der Pandemie besinnen sich die Menschen auf die ländliche Region und entdecken die naturräumlichen Schätze wieder – und dieses Potenzial muss jetzt klug für die touristische Weiterentwicklung genutzt werden. Zum einen durch Naturerlebnisangebote, aber auch durch Verbesserung der Wander- und Radwege. In unserer Region sehe ich da ein besonders großes Potenzial beim Mountainbike- und E-Bike-Tourismus. Gerade in ländlichen Regionen bietet der Ausbau des Tourismus große Chancen, mehr Wertschöpfung in die Gemeinden zu bringen, Arbeitsplätze zu generieren und zu erhalten und die Stadt-Land-Beziehungen zu verbessern.

Damit alle Akteure und Gastgeber dieses Potenzial erkennen – und dann auch nutzen, ist noch viel Bewusstseinsarbeit nötig. Das ist gut investierte Zeit, denn am Ende profitieren doch alle in der Gemeinde von einer Aufwertung der Region. Die Potenziale unserer Region müssen entdeckt, gehoben und nutzbar gemacht werden. Deshalb ist es auch wichtig, dass die Pionierinnen und Pioniere im Lahn-Dill-Bergland sich gut vernetzen, um den maximalen Nutzen erreichen zu können, beispielsweise in Form von Kooperationen zwischen Übernachtungsbetrieben und Naturschutzverbänden. Daraus können dann wiederum neue Angebote entstehen – wie beispielsweise die Sensenkurse. Ich rate künftigen Pionierinnen und Pionieren deshalb, immer authentisch zu bleiben. Denn nur wer mit ganzem Herzen bei der Sache ist, bleibt bei sich und hat Spaß und Freude an dem, was er tut. Für mich ist es am wichtigsten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich wohl fühlen und ich ihnen etwas an die Hand geben kann, an das sie sich gerne erinnern.

Für mich steht bei der Entwicklung von touristischen Angeboten immer die Nachhaltigkeit im Vordergrund. Wir dürfen mit der Infrastruktur, die wir aufbauen, nicht die Natur stören und müssen dabei den Schutz von Biodiversität gewährleisten. Dazu gehören zum Beispiel auch Mobilitätskonzepte, die auf öffentlichen Nahverkehr setzen und die Verwendung von nachhaltigen Materialien beim Bau von Attraktionen. Unsere touristischen Angebote müssen in unsere Region passen. Die Gäste sollen die Natur hier intensiv erleben können, aber möglichst wenig im negativen Sinne auf sie einwirken. So wie beim Sensen beispielsweise.

 
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