So einen typischen Ferienbauernhof mit grünen Wiesen drumherum, einem großen Spielplatz und Streichelzoo haben wir nicht. Unser Hof in Biblis liegt an einer Straße und hat wenig Nutzfläche. Da wir aber trotzdem ein touristisches Angebot schaffen wollten, haben wir uns für stilvolle Landhaus-Apartments entschieden. Es gibt eine kleine Küche und unsere Gäste bekommen Frühstücks-Körbchen. Das Konzept funktioniert sehr gut. Wir haben viele Gäste, die aus beruflichen Gründen in der Gegend sind, und teilweise auch längere Zeit bleiben. Aufgrund unserer guten Lage in der Metropolregion zwischen Heidelberg und Frankfurt kommen auch viele Wochenendgäste. Und natürlich Angehörige, die ihre Familien in der Region besuchen, dort aber nicht übernachten wollen oder können.
25 verschiedene Kartoffelsorten und Urgetreide
Ich habe in den Hof eingeheiratet, das war schon immer ein landwirtschaftlicher Betrieb. Meine Schwiegereltern haben ein paar Kartoffeln und Zwiebeln verkauft. Mein Mann hat den Hof 17 Jahre lang nur im Nebenerwerb geführt. Ich wollte den Betrieb gerne professionalisieren – durch mehrere Standbeine. 2002 haben wir uns dann entschieden, die Landwirtschaft neu auszurichten. Wir haben die Produktpalette ausgebaut. Heute bauen wir 25 verschiedene Kartoffelsorten an. Die vermarkten wir im Hofladen und auch auf Genussmärkten. Es gab schon Kunden, die extra aus Frankfurt kamen, um unsere Kartoffeln zu kaufen. Sie hatten sie in einem Restaurant gegessen und fanden sie hervorragend. Außerdem bauen wir Urgetreidesorten an wie Emmer, Einkorn, Dinkel, ein Bordeaux-Weizen und Champagner-Roggen. Mais und Soja gibt es auch – als Viehfutter.
Netzwerk Slow-Food
Wir sind in der Direktvermarktung aktiv, haben einen eigenen Hofladen, über den wir unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufen. Aber natürlich ist die Gastronomie auch wichtig für uns. Wir sind Mitglied der Slow-Food-Bewegung und arbeiten mit dem „JRE Origins“ Genussnetz zusammen, einer Vereinigung junger Spitzenköche. In diesem Rahmen besuchen wir auch Genuss- und Food-Messen, wie zum Beispiel die Intergastra oder verschiedene Hausmessen und stellen dort unsere Produkte vor. Netzwerken ist in unserer Branche sehr wichtig – und wir versuchen deshalb in die Gastronomie gute Kontakte zu unterhalten. Empfehlungen sind einfach das A und O und öffnen Türen.
Gut Ding will Weile haben
Der Hofladen, die Apartments, die veränderte Produktpallette – das alles hat so gut funktioniert, dass wir seit sieben Jahren wieder komplett von unserem Betrieb leben. Für uns war es jedoch wichtig, noch ein weiteres Standbein auszubauen. Und da wir wenig Fläche haben, haben wir uns für die Hühnerzucht entschieden. Wir kaufen unsere Küken als Eintagsküken in Frankreich und geben ihnen unser selbst angebautes Futter. Nach fünf Wochen dürfen sie auf die Wiese und den ganzen Tag rennen, eben das tun, was zu einem guten Hühnerleben gehört. Unsere Tiere werden mindestens 90 Tage alt, bis sie dann abends im Dunkeln eingefangen und bei uns auf dem Hof geschlachtet werden. Die Riedgockel werden artgerecht aufgezogen, haben Zeit zum Reifen und Wachsen, und werden dann artgerecht geschlachtet. So funktioniert Slow Food. Man gibt den Dingen die Zeit, die sie brauchen, um richtig gut zu werden – egal ob Tier oder Pflanze. Hauptabnehmer unserer Riedgockel ist die Gastronomie, die das zarte Fleisch und die faire Produktion sehr schätzt. Aber es gibt auch Direktkunden, die extra aus Frankfurt oder Mainz zum Gockelkauf kommen.